Mittwoch, 21. Juli 2010

Falkplatz

Also, ich war am Falkplatz, im Naherholungspark für Großstädter und wie der Namen schon sagt, liegen Großstädter dementsprechend faul herum, trinken Bier, rauchen Joints und erholen sich. Junge Männer spielen Frisbee und sehen dabei genauso euphorisch aus wie Hunde, die dem Stöckchen nachjagen, eine sitzende Frau redet mit großen Gesten auf eine andere ein, die da liegt wie die Römer einst in ihrer Toga beim Essen, ich tippe entweder auf Lesben oder Künstlerinnen, ein Hund trottet den Gehweg entlang und fünf Meter entfernt feiert ein Grüppchen von sechzehn Leuten den Geburtstag einer Unbekannten. Paul hatte die blöde Idee dem Geburtstagskind ein Megaphon zu schenken und jetzt muss sie es natürlich gleich ausprobieren, bedankt sich umständlich dreimal bei Paul, bis es auch der letzte Käfer und die Ameise, die zerquetscht zwischen meinen Oberschenkeln klebt, gehört haben. Das mit der Ameise war ein Missverständnis, ich töte nicht mit Absicht, aber wenn‘s zwischen den Beinen kitzelt, reagiere ich reflexartig - katholische Erziehung.
Neidisch betrachte ich die Slakeliner, das würde ich auch gerne können, spöttisch noch einmal die FrisBEES, die so tun, als wäre ihr Unterhaltungsprogramm anstrengender Sport: gehen tief in die Hocke, versuchen der gepressten Erdölscheibe einen Drive zu geben, laufen hochkonzentriert, die Arme locker baumeln lassend, Hühnerbrüstchen nach außen gestreckt, dem Ding nach. Fast erwischt, doch dann schlägt die Wurstscheibe mit der Kante auf den Boden und rollt höhnisch zwischen den Gliedmaßen des Athleten durch.
Frisbee spielen sollte eine Altersbegrenzung haben, mit Beendigung der Pubertät, wenn das Ego stark genug entwickelt ist, und man(N) auch seiner Rhetorik vertraut um Mädchen anzusprechen und nicht mehr auf solcherart Hilfsmittel zurückgreifen muss. Die Spieler, meist Jungens, okkupieren den halben Platz, sind zu dritt, Positionen strategisch festgelegt, neben, wenn möglich einer Dreiergruppe Mädels, die sich ihrerseits so verhalten, als würden sie bloß quatschen. Das eigentliche Ziel ist es, die bunte Scheibe so nah wie möglich in Richtung der Mädchen zu werfen, der Junge läuft dann aus fünf Meter Entfernung auf sie zu, in Slomo, David-Hasselhoff-like in seinen besten Jahren bei Baywatch - er versucht verzweifelt sein Comeback in Deutschland, lookt noch einmal for freedom, aus moralische Unterstützung sei er deshalb hier erwähnt - und taucht dann statt in die Surferwellen von Malibubeach in die Girliegroup.
Nur über 28jährige versuchen daraus eine ernstzunehmende Sportart zu machen. Lassen wir die Kirche doch im Dorf.

Das Leitungswasser schmeckt wie abgestandenes Klo, wahrscheinlich trinken hier deshalb die meisten Bier. Immer, überall, zu jeder Tageszeit. Mein Mitbewohner Giorgio, und weh dem, der den Namen falsch betont, mit einem tsch wie ciao - man sei doch so gut und verwende den geschmeidigeren Buchstaben von John John, Jungle, wie ein Küsschen spitze man die Lippen und denke dabei an die Sonne. Giorgio erklärte das gesellschaftsschichtenspezifische Trinkverhalten, das mit dem harten Kern Überlebender der Vortagsparty frühmorgens beginnt, von Alkoholikern zur Frühstücksstunde verstärkt wird und dann mit dem Mittagsschlag, wie eine Symphonie mit der restlichen Gemeinde als Schönbergchor in ein fortissimo übergeht.
Jedenfalls zählt Bier hier echt zu den Lebensmitteln und Clifford Geertz, ein Ethnologe, meinte mal, die Kultur in einer Gesellschaft bestehe in dem Wissen und Glauben, das notwendig ist, in einem bestimmten Umfeld zu funktionieren und eine Kultur wäre erst dann effektiv beschrieben, wenn ein Regelsystem aufgestellt ist, das es jedem ermöglicht in einer neuen Umgebung so zu funktionieren, dass man als Eingeborener gelten kann. In diesem Sinne zählt Bier hier zum Regelsystem, und um als Einheimischer zu gelten, unterwerfe ich mich diesem. Übrigens steht hier auf den Bierflaschen, aber nur ab 0,5 l glaube ich, die Aufforderung „Bier genießen“, und auch dieser Verordnung wird Folge geleistet.
Die beiden über 30jährigen rechts von mir, die Frisbee zum ernsthaften Sport deklarieren wollten, spielen jetzt Tennis mit Gummibällen, nein mit Federballdingern, oder modischer ausgedrückt Badminton. Die Schläger sehen aber aus wie Squashschläger und ich hoffe inständig, dass es keine von der Freizeit- und Sportindustrie neu entworfene Sportart und dafür speziell angefertigten „Stadtparkminton-schläger“ sind und in zehn Jahren dann eine eigene Disziplin bei der Olympiade stellen.
Die Frisbeegruppe der Jungen und Schönen links von mir ist von drei auf fünf Mitglieder angewachsen, ein Mädchen ist nun mit von der Partie und hält den Verkehr auf, fühlt sich sichtlich unwohl und hat keine Ahnung vom Regelsystem und Geertz dichten Beschreibungen. Sie passt in die Gruppe wie süßes Paprikapulver in Spaghetti-Bolognese-Sugo.
Ihre Unsicherheit überspielt mit sie mit wildem unkontrollierten Zupfen an den Haaren, in den Leerläufen weiß sie wenig mit ihren Extremitäten anzufangen, verdammt noch mal, wo sind die Zigaretten, wenn man sie dringend benötigt? Hände verschränken würde unsportlich aussehen, der Scheibe entgegenzulaufen traut sie sich nicht, außerdem hat sie Angst, dass ihre Brüste dabei unvereinbar wackeln, so lange trägt sie diese nämlich noch nicht mit sich herum, hat sich noch nicht so richtig daran gewöhnt. Sie erwischt von fünfzehn Versuchen nicht eine einzige Scheibe und beim Abwurf landet der Frisbee immer unpassend in der Mitte des Kreises, so dass unklar bleibt, für welchen Mitspieler er bestimmt war und er liegt dann so kläglich darin herum und das Lachen in der Gruppe verstummt, bis sich einer der Umstehenden seiner wort- und kommentarlos annimmt.
Ihre Einsätze werden seltener, dafür applaudiert sie umso begeisterter, wenn anderen souveräne Fänge gelingen.
Gib nur nicht auf Mädchen, eines Tages, und der Tag wird kommen, wirst auch du dieses Ding souverän fangen und endlich den anerkennenden Blick deines Schwarms ernten und vielleicht küsst ihr euch nachher wildromantisch und zelebriert im Mondenschein eure entflammte Liebe hinter einem großen Baum und ritzt dann eure Initialen in seine Rinde und heiratet auch noch und kriegt ein Dutzend Kinder und werdet glücklich bis ins hohe Alter von 97 Jahren und sterbt dann engumschlungen in einem Bett, in derselben Nacht auf der Titanic, oder du siehst ein, dass der Sport doch irgendwie lächerlich aussieht und lässt es bleiben.

Die Slakelinerin in den farbenfrohen Patchworkhosen, mit den freiheitsliebenden Hosenbeinen und dem Schritt zwischen den Knien rollt mit Blick gegen die untergehende Sonne mit ebensolchem liberté-egalité-Gefühl das Seil zusammen. Drei Mädchen treten den Heimweg an, zwei in Hotpants, die andere in eine dicke Decke eingewickelt und die Mütter schieben ihre hier so zahlreichen Kinderwagen in Richtung Ausgang.
Das Geburtstagskind freut sich aufrichtig und laut durch das Megaphon über jeden neu eintreffenden Gast. Sie hat sich in der letzten halben Stunde fünfmal gefreut, lässt sogar die Flaschen beim Anstoßen durchs Megaphon klingen und verfällt dann plötzlich in ein unerwartet harsch klingendes: „Lena ist scheiße“, gefolgt von einem grölenden „Olé olé olé olé wir sind die Champions, olé“.
Na klar, ich wollte es ja nicht anders. Großstadt ist was Öffentliches. Da mokieren sich die Leute immer so über die Kleinstädter, die alle zusammen aufstehen, schlafengehen, einander beim Vornamen grüßen, am Leben der anderen teilhaben, aber da kann man zumindest am Frühstückstisch erzählen „Du gestern im Park, wusste sich die Selina mal wieder nicht zu benehmen, hat rumgeschrien und gegrölt.“ So aber ist es halt anonym.

Die Sonne ist weg, ich auch.

maz

Eigentlich habe ich mir das Ganze so vorgestellt: ich bewerbe mich bei der taz für ein Praktikum.

Hab ich auch gemacht und dachte, dass das sicherlich recht schnell klappen würde, ich die Zusage praktisch schon in meiner Tasche hätte und einfach mein Studium abschließen, die Koffer packen und nach Berlin übersiedeln müsste. Es handelt sich ja schließlich um eine Tageszeitung, also um „Kerle von der flotten Sohle“, wie der Antagonist in Dirty Dancing bissig zu Patrick Swayze meinte.
Der nette Herr, der etwas von Wartezeit in die Antwortmail kritzelte, bremste meinen Enthusiasmus und enttäuscht wandte ich mich an einen Freund in Wien, der wegen der Hundstage in seiner geistigen Spritzigkeit etwas gehemmt, und deshalb ein guter Zuhörer war.
Er meinte, ich solle nicht unnötig Zeit verstreichen lassen und auf einen schlechtbezahlten Praktikumsplatz warten, sondern lieber eine Fixstelle als Chefredakteurin ins Auge fassen.
Darauf ich in meinem neuerworbenen Berlinerjargon: „Nee nee jaa, alles klaar, ich kann auch gleich selbst ein Newspaper veröffentlichen, wie wär’s mit der MAZ.“
Er fand den Vorschlag gut und treffend, weil sowohl die Buchstaben meines Vor- und Nachnamens darin enthalten waren und somit sehr authentisch wirkte. Er fand das Palimpsest sogar noch besser als das Original, weil maz im Gegensatz zu taz, weniger hart klinge und deshalb leichter ins Ohr ginge.
Das überzeugte mich vollends, ich war wieder frohen Mutes und er konnte beruhigt weiterdösen.

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