Donnerstag, 22. Juli 2010

Radikale

Am Montag las ich in der überregionalen linken Zeitung Deutschlands den Veranstaltungstipp: „Gipfelspektakel“. Darunter konnte ich mir noch nichts Konkretes vorstellen, deswegen las ich weiter: es sollte eine Diskussionsrunde der Protestbewegung sein, in welcher Aktivisten (es sind natür-lich auch die Innen damit gemeint, jetzt und für allezeit) über ihre Erlebnisse und Aktionen auf G8 bzw. G20 Gipfeln - also internationalen Wirtschaftsgipfeln, wie Genua, Heiligendamm, Kopenha-gen, die allen in den Ohren klingen - berichten wollten. Es ist nun genau 9 Jahre her, dass der Gipfel in Genua außer Kontrolle geriet und Aktivisten menschenunwürdig behandelt, gefoltert und in der zu schmählichem Ruhm erlangten Diaz-Schule festgehalten wurden. Carlo Giuliani kam dabei zu Tode, auf offener Straße von einem Carabiniere (italienische Polizei) erschossen. Die Prozesse laufen teilweise heute noch.
Natürlich hatte ich davon in der Zeitung gelesen und war auch betroffen, hatte an der Uni mit anderen Studenten darüber diskutiert, wie es überhaupt so weit kommen konnte, was die Regierung falsch gemacht, welche Grenzen die Aktivisten übertreten hatten, dass Gewalt doch keine Lösung sei und doch irgendwie vielleicht, wer weiß, was wäre ohne die Studentenbewegungen der 68er bewegt, mobilisiert worden. Aber es war immer wieder großes Betroffenheitsblabla mit wenig fassbarem know-how und viel gefühltem Interesse. Mit dieser Veranstaltung konnte ich also zum ersten Mal aktiv an einer Sitzung der radikalen Linken teilnehmen.
Radikale gibt es in meiner Kleinstadt eigentlich kaum. Radikale Politik noch weniger, eher regionale, provinzielle, ländliche zuweilen auch lächerliche: „Ich setz mich für die neue Überdach-ung des Hockeystadions ein, deswegen seid so gut Kinder der Jungschar und Pfadfinder und richtet euren Eltern doch bitteschön aus, wenn ihr nach Hause geht nach diesem tollen Osterfest, sie möch-ten doch die Jungscharleiterin wählen.“ Das Radikalste mit dem ich jemals in Kontakt gekommen bin, sind die Freien Radikale, die in der Kosmetik ein großes Thema sind, denen man versucht Einhalt zu gebieten, weil sie zur Hautalterung beitragen. Radikale sind demnach mehratomige Moleküle, die sich aber in ihren chemischen Reaktionen wie Einzelmoleküle verhalten. Die freien radikalen Moleküle schnappen sich dann die Einzelmoleküle und verbünden sich gegen die körpereigenen Abwehrzellen. In diesem Zusammenhang habe ich meistens viel Vitamin C verordnet und einen erhöhten UV-Filter. Schutzschild aktiviert.
Nun betrat ich also erwartungsvoll mit meinem Wissen über Radikale das Cafè. Auf den zwanzig Stühlen, die im Raum Richtung Westen ausgerichtet waren, saß schon überall irgendwer als ich eintraf, auch die Tischchen in den hinteren Reihen waren vollständig besetzt, bis auf einen. Ich freute mich über mein Glück und auch darüber, mich schnell und unauffällig setzen zu können und mich nicht durch die Reihen quetschen zu müssen, denn die Sitzung hatte schon vor etwa einer halben Stunde begonnen. Unmittelbar bemerkte ich den Nachteil meiner Sitzgelegenheit, die sich genau hinter der großen Aluminiumtreppe, die mitten durch den Raum in den darüber liegenden Stock führte, befand. Somit blieben die Aktivisten für mich unerkannt.
Eine italienische Frau mit sehr guten Deutschkenntnissen aber doch unverkennbaren Akzent schilderte gerade ihre Erlebnisse von Genua und die Zeit in der Diaz-Schule. Damals, meinte sie, sei der linke Aktionismus in Italien an seinem Höhepunkt angelangt, die italienische Polizei durch die Proteste in den Jahren zuvor zur Agression bereit. Sie war aber schon am Ende mit ihren Aus-führungen. Dann übernahm ein junger Mann das Wort. Für ihn sei es immer am Wichtigsten, wenn er mal wieder von der Polizei verhaftet würde, zu wissen, dass es da draußen noch Leute gäbe, die ihn nicht vergaßen, die weitermachten. Allgemeines Klatschen. Er lobte das social networking plateau facebook, das sehr gut funktionieren würde auf dem steinigen Weg des kollektiven Regel-bruchs hin zur ökonomischen Sabotage, denn da müsste die Protestbewegung hin. Lauteres Klatschen. Auch er warf ein, dass der Höhepunkt der Repressionen bei Gipfeln in den 90er Jahren lag und vor allem jungen Akademikern vorbehalten war. Sein Beispiel, dass es für die Kassierin vom Supermarkt nebenan etwas problematischer wäre, sich ein paar Tage beurlauben zu lassen, bitteschön mit open end wegen eventueller Gefangennahme oder auch ein Hartz-IV-Empfänger bei der nächsten Antragstellung dadurch etwas in Bedrängnis geraten könnte, leuchtete mir sofort ein. In diesem Sinne fragte der junge Mann nach dem proletarischen Bezug bei Repressionen, deutete die verminderte Gewalt-, aber erhöhte Denkbereitschaft an und äußerte daran anschließend, dass es doch zu schaffen sein müsste, Militante und Denker zusammenzubringen. Die Schlagwörter proletarisch und militant waren anerkennenden Applaus wert. Ein Mann aus dem Publikum warf ein, dass der Aufruf zum zivilen Ungehorsam mit großer Verantwortung verbunden sei, denn man könne nicht einfach Leute dazu motivieren mitzumachen, ohne ihnen detailliert Auskunft darüber zu geben, worauf sie sich einlassen würden und mit welchen Risiken ihr Aktionismus verbunden sein könnte. Ich klatschte. Allein. Ein paar drehten sich nach mir um.
Alles in allem wurde auf der Sitzung klar, dass sich die Protestbewegung seit dem Beginn des neuen Jahrtausends und seit Genua verändert hat. Die Polizei vernetzt sich wie die Aktivisten immer mehr auf internationaler Ebene, die Medien hetzen mit Antirepressionskampagnen und falschen Darstellungen die breite Masse gegen die Aktivisten und schüren damit eine gesellschaftliche Ablehnung anstelle eines Nach- und Umdenkens. Die Proteste gehen selten über einen symbolischen Charakter hinaus. Energiefragen stehen jetzt hoch auf der Agenda der Protestbewegung und die Ziele und Aktionen der Aktivisten in nächster Zukunft werden der beschlossene Stopp des Atomkonsens im Oktober und der Castor-Transport nach Gorleben im November 2010 sein. Ich verließ die Diskussionsrunde und raste mit dem 21 Gänge ausgestatteten Citybike die Friedrichstraße hinauf. War ich dafür, dagegen, war ich jetzt vielleicht selbst radikal und würde ich mich beim Castor-Transport an die Zuggleise ketten? Sollte ich mich bei Amnesty International abmelden und zu Greenpeace wechseln? Ausschließlich Bioprodukte zu mir nehmen, Vegetarier werden, nur noch erdfarbenen Lidschatten verwenden oder am besten gleich ganz vermeiden? Ich glaube kaum und doch, wenn man bedenkt, dass Italien erst vor Kurzem den Bau von vier Atomkraftwerken beschlossen hat. Soll man das einfach stillschweigend akzeptieren?

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